Verdrehungen schlagen Wellen (06.11.2016)

Es gibt sicher genug Gründe sich im Görli zu ärgern: rücksichtsloses Verhalten, bedrängende Dealer, verkotete Büsche und mehr. (Eine vollständige Liste findet sich im Handlungskonzept https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruenflaechen/gruenanlagen/artikel.489464.php ). Deshalb muss sich auch Herr Martenstein dieses Themas annehmen ( http://www.tagesspiegel.de/berlin/martenstein-ueber-den-goerlitzer-park-dealer-haben-es-in-kreuzberg-jetzt-richtig-nett/14757084.html ). Seine Sache ist die Modellierung des eigenen Ärgers, die Karikierung des Ärgers der Anderen und die Erzeugung neuen Ärgers. Das könnte über die therapeutische Wirkung für Herrn Martenstein hinaus gehen, interessant, im besten Fall sogar lehrreich sein.

Sein Beitrag zum Görli ist jedoch mehr als enttäuschend: Schrotflinte statt Degen, Fingerfarbenmalerei statt präzise Zeichnung. Wo eine Glosse zuspitzen soll, bedient sich Herr Martenstein der Verdrehung.

Es wird der Eindruck erweckt, das Handlungskonzept stelle eine Alternative zur polizeilichen Arbeit und eine Duldung rechtsfreier Räume dar. Dies ist aber nicht der Fall. Es ist nicht Aufgabe des bezirklichen Handlungskonzepts eine Polizeitaktik zu entwickeln. Im Konzept wird jedoch ganz unmissverständlich deutlich gemacht, dass der Einsatz der Polizei weiterhin notwendig ist, die Verantwortlichen des lokalen Polizeiabschnitts im Vorfeld konsultiert wurden und die Zusammenarbeit mit der Polizei auf operativer Ebene im Rahmen der „Praktikerrunde" sogar vertieft werden soll. Dies dazu.

Die Dealer sollen, anders als behauptet, nicht gehätschelt, vielmehr sollen Ihnen Möglichkeiten zum Ausstieg geboten werden. Rechtsberatung für die Dealer soll nicht der Absicherung ihres illegalen Handels dienen, sondern dem Einstieg in eine legale Existenz. Überhaupt: Die Lektüre des Herrn Martenstein scheint sich auf das Auffinden von Stellen zu konzentrieren, die seiner und der kollektive Erregung dienen könnten.

Nun könnte man die Glosse achselzuckend zur Seite legen, Herrn Martenstein ist halt die eigene Wut näher als die Genauigkeit. Erschreckend ist jedoch die Bereitschaft, um den Preis der Wahrheit eine Wolke von dumpfen Wutkommentaren zu erzeugen, von einer großen Gruppe Menschen stammend, die nicht wissen, was eine Glosse ist und die auch vermutlich zur Schwarzwaldklinik pilgern, um sich dort behandeln zu lassen. Bemerkenswert ist, wie die in Welt gesetzten Meme sich verbreiten und zu immer neuen Schauergeschichten weiter gesponnen werden.

Um auf das Eingangsthema „Ärger" zurückzukommen: Ja, wir haben uns auch geärgert. Nicht über die infantilen Lust an der Provokation und auch nicht über die begleitende Ungenauigkeit. Wirklich ärgerlich ist die offensichtliche Gleichgültigkeit von Herrn Martenstein gegenüber der Wirkung des eigenen Wortes. Wir sind aber gerne bereit, Herrn Martenstein ganz entspannt bei einer Tasse Kaffee am Görli zu erklären, wie das Konzept funktionieren kann und weshalb wir es als eine verantwortungsvolle Antwort auf die vorhandenen Probleme betrachten.

Handlungskonzept Görlitzer Park - Wir fordern eine inhaltliche Auseinandersetzung statt grober Falschbehauptungen! (22.08.2016)

In der Pressemitteilung der CDU vom 18.8.2016 und gleichzeitig erscheinenden Veröffentlichungen der Presse wird das Handlungskonzept zum Görlitzer Park grob verzerrt dargestellt, indem behauptet wird, dass der Drogenverkauf geduldet und die Drogenhändler „offiziell integriert" werden sollen. Eine solche falsche Darstellung empfinden wir als unanständig, da das Papier an diesem Punkt eindeutig ist.

Dort wird auf Seite 16 zusammengefasst: „Belästigungen durch den Drogenhandel und mangelnde Sicherheit werden von vielen Anwohner*innen und - zum Teil ehemaligen - Nutzer*innen als zentrale Probleme benannt. Dies hat auch die ethnographische Nutzungsanalyse ergeben. Die AG hat es nicht als ihre Aufgabe betrachtet, ein polizeitaktisches Konzept zu entwickeln. ... Die Notwendigkeit polizeilicher Maßnahmen wird von der AG nicht bestritten, diese sollten jedoch nicht über die Köpfe der Bürger*innen hinweg geschehen. Der AG geht es aber um die Entwicklung ergänzender Maßnahmen."

Wir bedauern sehr, dass nicht auf einen einzigen Aspekt des 55-seitigen Konzeptes mit sieben Aufgabenfeldern einschließlich konkreter Ziele und Einzelmaßnahmen inhaltlich eingegangen wurde. Angesichts des bis heute ausbleibenden Erfolges der Null-Toleranz-Politik erwarten wir gerade von der CDU als der für Polizei und Inneres zuständigen Regierungspartei, sich inhaltlich mit dem Konzept auseinander zu setzen statt polemische Falschbehauptungen zu verbreiten und damit unsere jahrelange Arbeit als Anwohner*innen zu diskreditieren.

Das gesamte Konzept kann hier nachgelesen werden:

https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/artikel.489683.php